Die Entwicklung der Fototechnik

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Prontor von Gauthier GmbH Calmbach (Quelle: Nagel)

Diese Ausführungen zu Geräten der Fototechnik entstehen in Kooperation mit Dr. Siegfried Staude (Kaufering), Andreas Pietrucha (Hof) und Kurt Tauber vom "Deutschen Kameramuseum" (Plech bei Beyreuth):

Die folgende Tabelle (von Dr. Staude mit Ergänzungen vom Deutschen Kameramuseum) gibt einen groben Überblick über die wichtigsten Erfindungen in der Fototechnik. Dabei ist es nicht einfach, ein Ordnungskriterium für diese Aufzählung zu wählen. Naheliegend ist natürlich, alles nach der Zeit zu ordnen, wie es auch hier geschehen ist. Dann ist das Ergebnis aber durchaus überraschend: viele wesentlichen Erfindungen, die uns heute in der Fototechnik vertraut sind, liegen im 19. Jahrhundert. Und das zeigt ein weiteres Problem: zwischen einer Erfindung und deren Verfügbarkeit im Markt kann sehr viel Zeit vergehen. Als Beispiel sei das Zoomobjektiv genannt: erfunden von Ignazio Porro 1851, konnte man es aber erst gut 100 Jahre später kaufen, und zwar als Voigtländer Zoomar. Außerdem ist eine Erfindung nicht immer mit einem Produkt verbunden, ein Produkt in der Regel aber mit einer ganzen Schar von Erfindungen.

Zeit Erfindung Grafik
ca. 1490
Camera Obscura
Die camera obscura erzeugt kopfstehende, seitenverkehrte Bilder. Das Phänomen der "Camera Obscura" war sicher schon lange bekannt (z. B. beschreibt Petrus von Alexandria 1342 eine Lochkamera), aber Leonardo da Vinci (1452 - 1519) zeichnet das erste Mal den Strahlengang. Giovanni Baptista (oder Giambattista) della Porta (1538 - 1615) beschreibt in seinem Werk "Magia Naturalis" erstmals die Lochkamera genau und führt sie der ersten technischen Anwendung zu: ein auf ein Papier projeziertes Bild kann abgezeichnet werden. G. Cardano und D. Barbaro verbessern die Lochkamera 1550 und 1568 durch das Einsetzen einer Linse und einer Blende.
1727
Lichtempfindlichkeit von Silbersalzen
Johann Heinrich Schultze (1687 - 1744) veröffentlicht die Schrift "Scotophorus pro phosphoro inventus". Er beschreibt die Herstellung eines lichtempfindlichen Niederschlags, der Silbercarbonat enthält und der sich bei Belichtung dunkel verfärbt. Daraufgelegte Muster werden negativ abgebildet. Damit ist das Fotogramm erfunden und der Grundstein für die moderne Fotochemie gelegt.
1826
Heliotypie
Nicéphore Niepce belichtet eine Zinnplatte, die mit lichtempfindlichem Asphalt beschichtet ist. Der stark belichtete Asphalt erhärtet, weniger belichtete Stellen lassen sich jedoch mit einem Öl wieder auswaschen. Rechts eine Abbildung dieses ersten Fotos. Niepce verbessert seine Camera Obscura außerdem durch den Einsatz einer Irisblende und eine Vorrichtung zum Scharfstellen des Bildes.
Erstes Foto von Niepce (Quelle: Dr. Staude)
1835
Kalotypie
William Henry Fox Talbot (1800-1877) erfindet das Negativ-Positiv-Verfahren mit transparentem, lichtempfindlichem Papier und legt damit den Grundstein für die Reproduzierbarkeit einer fotografischen Aufnahme. Er kann seine Bilder aber noch nicht dauerhaft fixieren. Aktiv vermarktet Talbot seine Erfindung aber erst, als er von Daguerres Erfolgen hört. Er erhält ein Patent für sein Verfahren und erfindet auch noch eine neue Vertriebsform, die heute bei Software wieder beliebt geworden ist: er verlangt nur von Profis eine Lizenzgebühr, Amateure zahlen nichts.
1839
Komplettes Verfahren zur Fotografie mit Silberhalogeniden
Die Puzzle-Stückchen des Wissens um lichtempfindliche Verbindungen werden langsam zusammengetragen: Thomas Wedgwood (1771-1805) erprobt das Verfahren der Fotografie zum Dekorieren von Porzellan. Aber erst Sir John Herschel (1792-1871) komplettiert 1839 das Puzzle, indem er die Fixierung eines 'Silberbildes' durch Lösung der restlichen Silbersalze mit Natriumthiosulfat erfindet. Er prägt die Begriffe 'Fotografie', 'Positiv' und 'Negativ'.
1839
Daguerreotypie
Lois Jacques Mandé Daguerre (1757-1851) verkauft seine Erfindung, wenig bescheiden als 'Daguerreotypie' bezeichnet, an die französsiche Regierung. Nach seinem Verfahren werden versilberte Kupferplatten mit Jod sensibilisiert und mit Quecksilberdampf entwickelt.
Blick aus dem Fenster seiner Wohnung (1839) (Quelle: Dr. Staude)
1851
Kollodiumverfahren, Ambrotypie
Frederick Scott Archer entwickelt ein Verfahren, bei dem Glasscheiben mit einer Lösung von Nitrocellulose in Ether und Sibersalzen sensibilisiert werden. Es verbessert durch das völlig transparente Trägermaterial entscheidend das Negativ-Verfahren von Talbot (Kalotypie). Der eigentliche Erfinder des Negativs auf der Glasscheibe war jedoch Claude Abel Niepce de Saint-Victor, der Eiweiß als Trägermaterial verwendete, dessen Verfahren sich aber nicht durchsetzte.
1861
Spiegelreflex
Das Prinzip der einäugigen Spiegelreflexkamera wird von Thomas Sutton erfunden. Bis nach der Jahrhundertwende wurden zahlreiche großformatige SLRs gebaut, üblicherweise wurde der Spiegel durch den Auslösemechanismus aus dem Strahlengang gedrückt und fiel nach der Aufnahme wieder zurück.
1861
Verfahren zur Farbfotografie
Der Physiker James Clark Maxwell schlägt eine Möglichkeit zur Farbfotografie vor: das vollfarbige Bild wird additiv aus drei Einzelbildern in den Grundfarben aufgebaut. Zur Demonstration projeziert er drei Einzelbilder in rot, blau und gün übereinander, siehe rechts. Dieses Prinzip wird bis heute in den Dreischicht-Farbfilmen eingesetzt.
Ein Ordensband als Farbprojektion von Maxwell (Quelle: Dr. Staude)
1882 - 1893
Optische Spezialgläser
Otto Schott stellt den bisher eher mystischen Prozess der Glasherstellung durch systematische Versuche auf eine wissenschaftliche Basis. Mit diesem Wissen erschmilzt er besonders homogene und spannungsfreie Gläser, die das Herstellen optischer Linsen in bisher nicht gekannter Qualität erlauben. Neben der Optik war sein besonderer Erfolg die Erfindung des Borosilikatglases (Jenaer Glas) für technische Anwendungen.
1888
Rollfilm in Eastmans Box No. 1
Georg Eastman entwickelte unter Nutzung eines Patents von Hannibal Villiston Goodwin den Rollfilm auf einem transparenten Trägermaterial (Celluloid) zur Marktreife. 1888 wird die Kodak Box No. 1 mit diesem Film patentiert, das System wird in den Folgejahren zum großen Markterfolg. Die Box wurde mit einem Filmvorrat für 100 runde Fotos ausgeliefert und zur Filmentwicklung komplett eingesandt. Der Werbeslogan für diese Art zu fotografieren war 'You press the button and we do the rest': ein Konzept das der Fotografie den Weg in den Massenmarkt ebnete, nachdem sie für viele Jahre den Profis vorbehalten war.
1889
Schlitzverschluss
Ottomar Anschütz erhält ein Patent auf den Schlitzverschluss. Die erste Kamera, die den Schlitzverschluss verwendet, ist noch im gleichen Jahr die Goerz-Anschütz-Momentkamera der Optischen Anstalt C. P. Goerz, Berlin (1891 mit 1/1000 Sekunde!). Der Schlitzverschluss erlaubt im Vergleich zu den damals üblichen Verschlüssen sensationell kurze Verschlusszeiten und ist neben der Weiterentwicklung der Film-Emulsionen und der Drucktechnik (zur Halbtondarstellung) eine der Grundlagen der Pressefotografie und der Darstellung bewegter Objekte. Die nebenstehende Abbildung aus der Patentschrift zeigt die Verschlussrollos auf der linken Seite, angetrieben durch ein Gummiband.
1890
Anastigmat
Dr. P. Rudolph berechnet ein astigmatisch korrigiertes Linsensystem, das bis zum Bildrand scharf zeichnet. es wird von Zeiss unter dem Namen Anastigmat auf den Markt gebracht.
1902
Tessar
Das berühmte Tessar-Objektiv wird bei Carl Zeiss in Jena konstruiert (berechnet von Dr. P. Rudolph). Es ist ein sphärisch, chromatisch und astigmatisch korrigiertes Objektiv aus vier, durch die Blende in zwei Gruppen geteilten Linsen, davon zwei verkittet. Das Tessar setzt Maßstäbe in Bezug auf Lichstärke und Schärfe.
1912
Compur Verschluss
Friedrich Deckel, München, entwickelt den erfolgreichen Compur Verschluss. Die Bildung eines Kartells mit Carl Zeiss Jena fördert die Verbreitung dieses Verschlusses in der deutschen Fotoindustrie zusätzlich. Als Basis dienten die Entwicklungen von R. Klein und Th. Brueck und das Patent von Ch. Bruns, die erstmals einen Zentralverschluss mit zuverlässiger Mechanik zur Zeitenbildung konstruierten.
Kodak Retina I mit Compur Verschluss (Quelle: Deutsches Kameramuseum Plech)
1913
Urleica
Oskar Barnack (1879-1936) konstruierte den ersten Prototypen der "Leica" mit dem neuen Filmformat 24x36 mm bereits 1913. Zeitgleich kamen die ersten Kleinbildkameras von anderen Herstellern bereits auf den Markt, blieben aber erfolglos, sicher auch eine Auswirkung des 1. Weltkrieges. Die Leica ging erst 1923 in Serie und wurde kurz darauf ein großer Erfolg und zum Wegbereiter für die Kleinbildfotografie.

Die Leica II wird die erste Kamera mit einem gekuppelten Entfernungsmesser sein.

1932
Agfacolor
1932 erscheint Agfacolor als der erste brauchbare Farbfilm, noch als "Kornrasterfilm". Der Chemiker Rudolf Fischer schafft die Grundlage für den Dreischichtfilm (eine Schicht pro Farbe), der 1936 als Agfacolor Neu erscheint und dessen Prinzip bis heute Anwendung findet.
1935
Linsenvergütung
Einführung der Linsenvergütung durch Carl Zeiss Jena zunächst für Objektive, die zu militärischen Zwecken produziert wurden. Die entsprechenden Linsen wurden mit MgF2 bedampft und die Objektive mit einem roten "T" gekennzeichnet. Der Effekt der Vergütung war eine verringerte Reflexion an der Oberfläche, die Transmissionsrate des Lichts wird um 5% auf ca. 97% gesteigert, die Objektive zeichnen kontrastreicher und die Brillianz von Farbaufnahmen steigt (diesen Effekt hatte Frauenhofer bereits 1817 durch das Anätzen von Glas entdeckt), für die Allgemeinheit waren solche Objektive aber erst 1942 erhältlich.
1936
1. Kleinbild SLR Kine Exakta
Im Ihagee Kamerawerk Dresden beginnt die Serienproduktion der ersten erfolgreichen Kleinbild-Spiegelreflexkamera, der Exakta, konstruiert von Karl Nüchterlein. Kurz darauf gibt es bereits Pläne und Patentanmeldungen für einen integrierten Belichtungsmesser. Die russische SLR Sport (Kyrillisch: Cnopm) erscheint in etwa zeitgleich. Eine hervorragende Übersicht über die Patente im Zusammenhang mit der Exakta ist auf der Seite Peter Lanczak zu finden.
Exakta Varex IIa(Quelle: Deutsches Kameramuseum Plech)
1938
Automatik
Die Kodak Super Six 20 ist die erste Kamera, die mit Hilfe eines eingebauten Belichtungsmessers Blendenautomatik nach Zeitvorwahl bietet.
1946
M42
In der Zeiss Ikon AG werden die Prototypen der 'Spiegel-Contax', der Contax S, mit einem M42 Objektivgewinde versehen. 1947 erscheint die Praktiflex als Vorgängerin der Praktica mit M42-Anschluss (VEB Kamerawerke Niedersedlitz Dresden, ab 1956 mit Springblende). Das M42-Gewinde setzt sich für viele Jahre als Standard-Objektivanschluss durch.
1947
Polaroid Verfahren
Verschiedene 'Schnellkameras' mit integrierten Entwicklungskammern existierten bereits früher, z. B. die 'Fotogranate' von Romain Talbot zur Herstellung von runden Ferrotypien.

Edwin Herbert Land stellt 1947 ein revolutionäres neues Sofortbildverfahren (das Polaroidverfahren) der Öffentlichkeit vor, das bis heute verwendet wird. Ab 1963 gab es farbigen Polaroid-Film. http://www.the-impossible-project.com/

1952
Zoomobjektiv
Als erstes Zoomobjektiv ist von der Zeiss Ikon AG das von Robert Geißler gerechnete Pentovar 2/30-120 für 35mm Filmkameras erhältlich. Für Fotoapparate wird 1959 das Voigtländer Zoomar 2,8/36-82 vorgestellt. Erfunden wurde das Objektiv mit veränderlicher Brennweite jedoch schon über 100 Jahre früher, und zwar von Ignazio Porro 1851.
1960
Motivklingel und Ritsch-Ratsch
Die Prakti vom VEB Kamera- und Kinowerke Dresden (Walter Henning) wird über einen Motiv-Wahlschalter gesteuert, der die Belichtungszeit und Entfernung festlegte. Die Prakti verfügt über elektromotorischer Filmtransport und Blendenautomatik.
1963 - 1976
TTL-Messung
Die ersten noch etwas archaischen Systeme zur Belichtungsmessung durch das Objektiv durch Einschwenken einer Messzelle in den Strahlengang existieren bereits von Voigtländer und Exakta. Ein modernes TTL-Messsystem wurde 1963 erstmals durch Topcon auf den Markt gebracht und fanden schnell Verbreitung (z. B. Mamiya, Pentax). Das Prinzip wurde kontinuierlich verbessert, z. B. mit besseren Messzellen, der Kombination aus Integral- und Spotmessung (Mamiya DTL), der Messung bei geöffneter Blende (Praktica oder die luxuriöse Pentacon Super) oder Messwertspeichern. Die Entwicklung gipfelte in der TTL-Blitzmessung in der Olympus OM-2 1976.
1966
Elektronische Verschlusssteuerung
Der erste elektronische Verschluss wird in einer Praktica eingesetzt.
1976
Digitale Steuerung
Die erste Kamera, die durch einen zentralen Mikroprozessor gesteuert wurde, war die Canon AE-1. Das Topmodell der Serie, die A-1 von 1978, verdeutlichte auch sofort den Nachteil dieser Entwicklung: sie enthält den ersten Softwarefehler.
Canon AE-1 (Quelle: Deutsches Kameramuseum Plech)
1977
Autofocus
Canon experimentiert schon seit 1963 mit dem Autofocus, Nikon seit 1971. Aber als erste Kamera bietet die Kleinbildsucherkamera Konica C35 AF einen passiven Autofocus nach dem Visitronic-Verfahren (patentiert vor 1976 von Honeywell, USA).

Die Polaroid SX 70 führt das erste aktive Autofocusverfahren 1978 (Sonar) ein. Autofocus durch das Objektiv (TTL) wird von Pentax 1983 in die Serienproduktion eingeführt (ME-F), es folgen Minolta 1985 (7000), Nikon 1986 (F-501) und Canon 1987 (EOS 650).


Konica C35 AF (Quelle: Deutsches Kameramuseum Plech)
1981
Digitalkamera
Die Sony Mavica ist die erste sog. 'Still Video' Kamera. Sie verwendet einen lichtempfindlichen CCD Chip mit der Auflösung von 570 x 490 Pixeln und speichert das Bild als analoges Videosignal auf einer Diskette. Diese Art von Halbleiterchips (CCD) wurde 1969/70 von den Bell Laboratories erfunden. Die erste marktreife Digitalkamera ist allerdings erst 1986 die Canon RC-701.
Canon RC-701
1985
Autofocus
Mit der Minolta 7000 AF kommt die erste praktisch brauchbare Autofokus-Spiegelreflexkamera auf den Markt.
1990
CCD-Stehbildkamera
Canon bringt mit der ION eine kompakte filmlose CCD-Stehbildkamera, die Fotos werden auf Diskette gespeichert und auf einem Fernsehgerät wiedergegeben.
Canon ION (Quelle: Deutsches Kameramuseum Plech)
1991
CCD-Digitalkamera
Mit der Digicam kommt die erste CCD-Digitalkamera mit einer Bildauflösung von 90.000 Pixel auf den Markt, die zur Bildwiedergabe an einen Computer (PC) angeschlossen wird.
1996 1. Mehrere Digitalkameras kommen für unter 1000 DM auf den Markt, z.B. die Kodak DC-20 mit 184.000 Pixel. 2. Das aus Kodak, Fuji, Canon, Minolta und Nikon bestehende Entwicklungskonsortium bringt das APS-Film- und -Kamerasystem (Advanced Photo System) heraus, bemerkenswerteste APS-Kamera wird die Canon Ixus.
1998
preiswerte Digitalkameras
1. Mit der Pentax 645 N und der Contax 645 kommen zwei Autofokus-Spiegelreflexkameras für das Mittelformat auf den Markt. 2. In Deutschland werden 5 Milliarden Farbbilder durch Großlabors hergestellt.
2002
CMOS-Bildsensor
1. Sigma präsentiert die SD 9, die erste Digitalkamera mit dreischichtigem Bildsensor (CMOS). 2. Mit der Rolleiflex 6008 AF kommt von Rollei die erste Autofokus-Spiegelreflexkamera für das Mittelformat 6x6 auf den Markt.
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